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AMMON, Günter: Kindesmißhandlung

Günter Ammon (u.a.): Kindesmißhandlung

 (München 1979)

 

Dies Bändchen ist eine ebenso leidenschaftliche wie fachlich fundierte frühe Darstellung des Problems Kindesmißhandlung. Der Psychiater und Psychoanalytiker Ammon (1918–1995)  ging hierzu (gemeinsam mit einigen Mitarbeiterinnen) statistischen Erhebungen nach und recherchierte Berichte in den Medien. Nach Ammons psychoanalytisch begründeter Konzeption sind Kindesmißhandlungen im allgemeinen Ausdruck einer gestörten, destruktiven Gruppendynamik der Primärgruppe (Familie), die ihrerseits in Zusammenhang steht mit grundlegenden gesellschaftlichen Fehlentwicklungen.

Ammon gehörte im deutschsprachigen Raum zu den ersten medizinisch-psychologischen Fachleuten, die sich grundlegend und konzeptionell für mißhandelte Kinder engagiert haben. Er sieht Zusammenhänge zwischen Frühtraumatisierungen und der Entwicklung von Ich-Struktur und Identität des betroffenen Kindes. Damit macht er 40 Jahre nach Sándor Ferenczi wohl als erster psychoanalytisches Handwerkszeug nutzbar zur therapeutischen Unterstützung psychisch traumatisierter Kinder!

Bereits dieses schmale Buch zum Thema Kindesmißhandlungen zeigt Günter Ammon als Pionier der heutigen, vor allem an dissoziativer Symptomatik orientierten Psychotraumatologie. Seine unorthodoxen Hypothesen werden bis heute im psychoanalytischen Mainstream kaum rezipiert (jedenfalls nicht mit offengelegtem Bezug auf Ammon); auch dies verbindet ihn mit dem psychoanalytischen Außenseiter Sándor Ferenczi.

Die von Ammon begründete Schule der Dynamischen Psychiatrie geht im Widerspruch zu Sigmund Freud nicht vom Menschen als einem Triebwesen aus, sondern versteht ihn in seinem psychosozialen und kommuniktiven Kontext. Dabei hat sie eigene Konzeptionen entwickelt für drei Ebenen:

  • Die psychogenetische Entwicklung der Persönlichkeit,
  • Die Ich-Struktur des Menschen und
  • Die frühkindliche und aktuelle Gruppendynamik des Menschen.

Auf dieser Grundlage werden exemplarische Anamnesen von mißhandelnden Elternteilen diskutiert. Die Herangehensweise der Dynamischen Psychiatrie könnte hier in mancher Hinsicht die Erfahrungen der psychotraumatologischen Traumatherapie ergänzen.

Nach Ammon vollzieht sich "nicht nur die Identitätsbildung, sondern die Entwicklung psychischer Strukturen überhaupt" (23) an der Grenze zwischen Ich und (Primär-)Gruppe. Dysfunktionale Gruppendynamik (in der Herkunftsfamilie) gehört geradezu zwingend zu traumatischen Frühstörungen. Entsprechende Korrelationen thematisierte Mathias Hirsch, einer der wenigen psychoanalytisch orientierten Traumatherapeuten (und zunächst Schüler Ammons) innerhalb des einzeltherapeutischen Settings; der Schwerpunkt der psychotraumatologisch orientierten Traumatherapie liegt demgegenüber auf der Komplexität des Trauma- und Traumafolgegeschehens. Günter Ammon legte im Laufe seines Lebens eine Reihe grundlegender Arbeiten zum Problem der Ich- und Identitätsentwicklung in der Gruppe vor und belegt die Relevanz dysfunktionaler Gruppendynamik nicht nur für Kindesmißhandlung (heute dürfen wir wohl sagen: für traumatische Frühstörungen), sondern auch für die Psychotherapie der Psychosen. Die Konzeptionen der Dynamischen Psychiatrie könnten Denkanstöße bieten für mißhandlungs-prophylaktische Angebote für Familien (ähnlich wie es bereits das SAFE-Programm für werdende Eltern gibt), aber auch Interventionskriterien für Jugendämter und Entscheidungskriterien für Vormundschaftsbehörden. Nicht zuletzt aber könnten sie qualifiziert beitragen zum öffentlichen Bewußtsein für die Gruppendynamik von Aggression – einem notwendigen Schwerpunktthema angesichts der aktuellen sozialpsychologischen Verwerfungen (Fremdenhaß, Rechtsradikalismus, Frauenfeindlichkeit, Flüchtlingsproblem).

Ammon diskutiert ausführlich die Psychopathologie von Täter-Eltern; dabei macht er plausibel, wie aus Kindern mit traumatischen Frühstörungen entsprechende Täterinnen werden können. Diese Menschen mußten ihre in der Kindheit erfahrenen schweren Mißhandlungen "verdrängen" (heute würden wir sagen: dissoziieren), haben statt dessen aber schwere Persönlichkeitsschädigungen entwickelt: "Kindesmißhandler waren einmal selbst mißhandelte Kinder."(8) Dies war vor 30 Jahren keineswegs eine Selbstverständlichkeit; für Ammon steht diese Überlegung im Mittelpunkt seiner an täterorientierter Prophylaxe orientierten Argumentation. Ihm geht es durchgängig nicht um isolierte Täter, sondern vielmehr um die Situation in Primärgruppen (Familien), in denen mißhandelte Kinder heranwachsen, die später zu mißhandelnden Eltern werden und wiederum mißhandelte Kinder hervorbringen, die ggf. wieder zu mißhandelnden Eltern werden — und so fort.

Heutzutage ist dieser Zusammenhang wohl allgemein einsichtig, allerdings wird ihm in unserer gesellschaftlichen Realität nur mit punktuellen Interventionen und Angeboten begegnet: Bei zu auffälliger Mißhandlung schreiten Behörden ein, Kinder werden den Eltern entzogen (oder auch nicht), gelegentlich kommt es zu strafrechtlichen Konsequenzen. Dann ist für diesmal Ruhe. Um das Schicksal der mißhandelten Kinder haben andere sich zu kümmern, und falls sie in 10 oder 20 Jahren selbst mißhandelnde Eltern werden, stehen wieder andere Kräfte zum Eingreifen bereit: ein unendliches böses Spiel der Normalität!

Es gibt in der öffentlich-medialen (teilweise auch in der fachlichen) Diskussion zum Thema mißhandelte (auch sexuell mißhandelte) Kinder und Jugendliche das starke Bedürfnis, möglichst eindeutig zwischen Opfern und Tätern unterscheiden zu können. Mit Opfern möchten wir uns identifizieren können, – der Gedanke, auch und gerade sie könnten zu Tätern werden, stört dabei enorm. Von Tätern (in diesem Bereich) möchten wir uns weitestmöglich unterschieden wissen. Das traumatherapeutisch heutzutage selbstverständliche Prinzip, daß Täter zu Opfern werden können, findet sich zwar in den letzten Jahren häufiger in Medien — selten jedoch ohne beruhigend einschränkende, relativierende Hinweise.

Im Fokus von psychotraumatologisch wie auch psychoanalytisch orientierter Traumatherapie stehen selbstverständlich Klientinnen als Betroffene, Opfer, Überlebende von traumatischen Erfahrungen. Zu Recht orientierte sich die Ausdifferenzierung sozialpsychologischer, medizinischer, therapeutischer Konzeptionen, Methoden und Erfahrungen an ihnen –– nicht am Nachdenken über die Täter. Daß Opfer im späteren Leben zu Tätern werden können, ist (heutzutage) bekannt, rangiert jedoch als bedauerlicher Nebeneffekt, zumal nur eine verschwindende Minderheit von Psychotherapeutinnen dezidiert bereit ist, mit Tätern zu arbeiten. (Eine besondere Situation liegt vor bei Überlebenden von Organisierter/Ritueller Gewalt.) Selbst innerhalb der aktuellen massenmedialen Aufmerksamkeit für Täter von institutionalisiertem sexuellen Mißbrauch entsteht offenbar kaum Erkenntnisinteresse über die psychodynamischen Grundlagen solcher Taten. Zu behaupten, jemand sei offenbar "pädophil", scheint schon genügend zu erklären. Dies kann zumindest ich nur als kollektives Abwehrverhalten verstehen.

Die dysfunktionale, gewalttätige Primärgruppe wurde für Günter Ammon offenbar zum Ausgangspunkt seiner lebenslangen Forschung zur Gruppendynamik der Aggression, zu gruppendynamisch orientierten Therapieformen und zur Psychodynamik der Psychosen (die er als Frühstörungen versteht). Im Schlußkapitel des vorliegenden Bändchens betont Ammon: "Kindesmißhandlung ist zu verstehen als ein Exponent des in pathologischen gruppen- und psychodynamischen Prozesses eingebetteten Geschehens. Damit steht auch die Frage nach der Großgruppendynamik der Gesellschaft im Mittelpunkt."(99) Mit dieser Perspektive einer kritischen Politischen Psychologie bzw. Sozialpsychiatrie hat Ammon sich nicht beliebt gemacht in der Wissenschaftsszene, so wenig wie Peter Brückner, Hans Kilian oder Erich Wulff.

Auf drei Punkte möchte ich noch zu sprechen kommen:

"Dissoziation" als spezielle psychische (wie wir heute zu wissen meinen: neurobiologisch begründete) Funktion wird innerhalb psychoanalytischer Überlegungen bekanntlich erst heutzutage sacht diskutiert (Peichl). Die wenigen Psychoanalytiker, die sich bislang mit Realtraumatisierungen im Kindesalter beschäftigen wollten (Sándor Ferenczi als erster), sprachen gern von "totaler Verdrängung" (Ammon S. 8) oder nutzten den Begriff des "Abspaltens", ohne ihn zu definieren: etwas ähnliches wie Verdrängung, aber doch nicht Verdrängung (so auch bei Hirsch). — Günter Ammon beschreibt in seinen Kasuistiken zu mißhandelnden Elternteilen an vielen Stellen zweifellos das, was wir heute als traumatische Dissoziation kennen — und er diskutiert es in einer Weise, durch die er hier (und in einem Sammelwerk zum "Borderline-Syndrom") eine atemberaubende Brücke schlägt zwischen psychoanalytischem Handwerkszeug und Psychotraumatologie!

"Borderline" war zu jener Zeit kaum mehr als eine Verlegenheitsdiagnose. Ammon verstand vor allem dieses von ihm als "Borderline-Syndrom" bezeichnete Krankheitsbild unmißverständlich als entwicklungspsychologische Auswirkung derartiger Frühtraumatisierungen. Damit widersprach er der nicht traumabezogenen Konzeption des Psychoanalytikers Otto F. Kernberg ("Borderline-Perdsönlichkeitsstörung"). (Eine Publikation seiner diesbezüglichen Arbeiten wird demnächst bei D+T vorgestellt werden: Günter Ammon: Das Borderline-Syndrom. Krankheit unserer Zeit; Berlin 1998.)

Zu denken gibt, daß Ammon mit keinem Wort auf den heutzutage überrepräsentativ diskutierten Aspekt der sexualisierten Gewalt gegen Kinder (durch die Eltern) eingeht. Als Folge einer von ihm regelhaft angenommenen pathologischen Gruppendynamik in der Ursprungsfamilie des späteren Täter-Elternteils geht er davon aus, daß dieser "die ganze Liebe, die er in seinem Leben, besonders in seiner Kindheit, nie erlebt hatte, von seinem Partner und vom Kind [erwartet]. Forderungen an ihn selbst erlebt er erneutes Verlassenwerden."(S. 43) Die naheliegende Variante des sexuellen Mißbrauchs als Versuch, diese Liebe vom Kind zu erhalten, kommt bei Ammon nicht vor. — Sie hier stillschweigend mitzudenken, bedeutet meines Erachtens keine Verfälschung von Ammons Konzeption.

Summa summarum: Angesichts unseres heutigen psychotraumatologischen Wissens über traumatische Dissoziation und intergenerationelle Zusammenhänge bei Organisierter/Ritueller Gewalt finden sich in Ammons Konzeptionen bedeutsame Denkanstöße. Seine Arbeiten könnten zu einem Brückenschlag zwischen Psychoanalyse und Psychotraumatologie beitragen, aber auch zwischen opfer- und täterorientierter Prophylaxe bei Kindesmißhandlung (einschließlich sexueller Gewalt).

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    In Kooperation mit SäCHSISCHE GESELLSCHAFT FüR SOZIALE PSYCHIATRIE e.V.
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