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BERGNER, Clemens: Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen - nur ein kleiner Schnitt?

Clemens Berger: Ent-hüllt! Die Beschneidung von Jungen – nur ein kleiner Schnitt?

Betroffene packen aus über Verlust – Schmerzen – Scham

(Hamburg 2015)

Das Dogma, das Abschneiden der Penisvorhaut sei harmlos und biete nur Vorteile, stellt seit Jahrhunderten sicher, daß Betroffene sich die Nachteile dieser irreversiblen Operation lieber schönreden oder dazu schweigen, als sich zu ihren Verletzungen am Intimsten zu bekennen und über die oft weitreichenden Folgen offen zu sprechen. – In diesem Buch sind nun erstmals in deutscher Sprache Bekenntnisse von Männern gesammelt, die zu diesem Thema nicht länger schweigen wollen.

Nach der Lektüre fühle ich mich, als nichtbetroffener Mann, einigermaßen sprachlos. Männer äußern sich über ihre eigene verletzte Sexualität, – einen Umstand, der gemeinhin unter Männern kaum je freiwillig thematisiert würde. Wie groß muß ihr Leid sein, daß sie unmißverständliche Worte finden mußten über etwas, das Urologen ihnen gegenüber gelegentlich als "weinerliches Überinterpretieren völlig normaler Geschehnisse" oder "bedauerliche Einzelfälle" bezeichnet haben. (Dabei versuchten schon in der Antike Männer, ihre abgeschnittene Vorhaut mit verschiedensten Mitteln wiederherzustellen!)

Eine Fülle einzelner Aussagen vermittelt individuelle Erfahrungen des Vorgangs im Kindes- oder Erwachsenenalter, Stichworte sind immer wieder Hilflosigkeit, Vergewaltigung, Scham, Trauma. In späteren Kapiteln finden sich – ebenso individuell unterschiedlich, dabei im Grundtenor übereinstimmend – Berichte zu psychischen Folgen (Entfremdung in Partnerschaften, gegenüber den Eltern, Impotenz, Suizidalität, Selbsthaß und Ekel vor dem als zerstört empfundenen Penis, auch spezifische Traumasymptome werden deutlich) sowie medizinisch-somatischen Langzeitauswirkungen. Hier geht es auch um die Funktion und Sensibilität einzelner Abschnitte der Penisvorhaut, Verhärtung (und damit Unsensibilität) der Eichel, nachdem ihr der natürliche Schutz genommen wurde. Ein Teil des Buches sammelt Aussagen von Partnerinnen und Partnern beschnittener Männer. Außerdem enthält das Buch weiterführende Informationen und Adressen.

Bekanntlich wurde die Beschneidung des männlichen Kindes inzwischen in Deutschland mit Gesetzeskraft zugelassen, meines Erachtens im wesentlichen in tagespolitischer Taktik, um wutschäumende Reaktionen jüdischer und islamischer Kreise zu umgehen, und im Wissen, daß in den USA diese Praktik auch ohne religiöse Tradition flächendeckend betrieben wird. Auch die gewachsene Sensibilität für die (zweifellos noch ungleich schrecklichere!) Genitalverstümmelung von Mädchen und Frauen wird vorderhand nicht zur Solidarität mit betroffenen Männern führen (selbst Waris Dirie, die betroffene Somalierin, der die weltweite Aufmerksamkeit für dieses Praxis zu verdanken ist, ließ ihren eigenen Sohn beschneiden: "Bei Männern gehört das dazu!").  – Das öffentliche Problembewußtsein fängt hierzu erst an, wenn betroffene Männer zu ihrem Leid stehen und auf dieser Grundlage Gegenöffentlichkeit machen. Das vorliegende Buch ist derzeit der vielleicht wichtigste Brückenkopf dazu.

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    In Kooperation mit SäCHSISCHE GESELLSCHAFT FüR SOZIALE PSYCHIATRIE e.V.
    (www.sozialpsychiatrie-in-sachsen.de)

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