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FOELSKE, Walter: Im Wiesenfleck

Walter FOELSKE: Im Wiesenfleck (Leipzig 1994)

Iim Zusammenhang mit einer polytraumatischen Sozialisation entwickelte sich Walter Foelskes Homosexualität  zu Pädosexualität mit sado-masochistischen Praktiken. Sein fast 600 Seiten umfassender autobiografisch-romanhafter Bericht ist wohl die entwicklungspsychologisch nuancierteste Dokumentation einer solchen Persönlichkeitsentwicklung. Hautnah und sinnlich nachvollziehbar, mit großer Disziplin werden die wesentlichen Stufen der eigenen Lebensgeschichte vermittelt. Projektionen und Auslöser, Opfer-Täter-Umkehr, erwachsene "Verführer", einfache Sehnsucht nach mitmenschlicher Nähe, die singuläre und ambivalente Beziehung mit der Mutter und die ebenso ambivalente Bedeutung des Vaters werden in jeder Lebensphase unterschiedlich relevant. Dazu kommen meist vergebliche Versuche, Partner für die eigenen sexuellen Bedürfnisse – oder gar im Sinne einer Liebesbegegnung – zu finden. Foelske fühlt sich "normalen" Schwulen gegenüber genauso fremd wie heterosexuellen Menschen; seine eigene Neigung ist für ihn selbst verwerflich – obwohl er sich selbstverständlich andererseits nichts sehnlicher wünscht, als sie befriedigen zu können.

Es wird nachvollziehbar, wie Foelske (bzw. dessen Ich-Figur, die einen anderen Namen trägt) im Laufe des Erwachsenenlebens zunehmend "nach innen flüchtet" – in Tablettensucht und suchthaften Konsum von Literatur und Musik, letzteres vor allem, um sich abzulenken von den unerfüllbaren sexuellen Phantasien. Unerfüllbar auch wegen einer offenbar rigiden traumatischen Abspaltung der eigenen Körperlichkeit, die im Zusammenhang der geschilderten Entwicklungsgeschichte nachvollziehbar wäre.

Ausschlaggebend für das Entstehen des Buches war eine Art Solidargemeinschaft mit einem ebenfalls pädosexuell orientierten Mann in den Jahren vor 1980. Beide haben sich in dieser Zeit unterstützt bei dem je eigenen Kampf gegen zerstörerische Neigungen: bei Foelske war es die Polytoxikomanie, bei dem Freund Robert dessen suchthaftes Ausspähen von Jungs in der Öffentlichkeit. Das Buch endet allerdings mit der beibehaltenen Orientierung des Ich-Erzählers an (klassischer) Musik und Literatur, am Schreiben als einzigem Ventil, zugleich einziger Kompensationsmöglichkeit der nichtgelebten, nicht lebbaren Sexualität.

Foelske hatte bereits 1980 eine Sammlung kürzerer Arbeiten veröffentlicht ('Anatomie eines Gettos'), das inhaltlich in den unmittelbaren Zusammenhang des hier vorliegenden Buches gehören und eigentlich erst von hier aus zu verstehen sind.

In den letzten 20 Jahren sind etwa 20 weitere Bücher entstanden; teilweise handelt es sich dabei um Erzählungen pädosexueller Begegnungen. Ohne sie zu kennen, vermute ich allerdings, daß es sich hier größtenteils um Phantasieprodukte handelt.

Das Buch enthält kein überflüssiges Wort; jeder Gedanken, jede geschilderte Empfindung ist konsistent verbunden mit allen anderen Faktoren der geschilderten Psychodynamik. Eine Fülle von bedeutsamen Aspekten dieser Lebensgeschichte könnten hier noch erwähnt werden!  – Es handelt sich hier im Grunde um einen Fallbericht, der Pflichtlekture sein sollte für TraumatherapeutInnen, insbesondere auch für jeden, der fachlich mit pädosexuell orientierten Menschen zu tun hat. Leider aber wird Foelske wohl allenfalls im Umkreis der schwulen Literatur rezipiert, womit es eigentlich nicht viel zu tun hat.

 

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