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HEYDEN, Saskia/ Kerstin JAROSCH: Missbrauchstäter [Fachbuch]

Saskia Heyden / Kerstin Jarosch: Missbrauchstäter. Phänomenologie - Psychodynamik- Therapie  (Stuttgart 2010)

Kindliche Opfer von sexueller Gewalt, von Mißbrauch und Inzest, ihr Leid und Möglichkeiten ihrer Heilung  stehen zu Recht zunehmend im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. Prävention bleibt aber einäugig, solange nicht differenziert und fachlich begründet nachgedacht wird auch über die TäterInnen. Dies  wird erschwert durch (nachvollziehbare) Berührungsängste, durch Vorurteile, mediale Sensationsmache und ideologisch begründete Denkverbote. Man macht sich schnell sehr unbeliebt mit dem Bemühen, auch bei Tätern etwas zu verstehen.

Die beiden Autorinnen haben das heiße Eisen engagiert und mutig angepackt. Unaufgeregt, prägnant und faktenreich präsentieren sie den Stand von täterbezogener Forschung und Therapie. Offene Fragen werden deutlich gemacht. Neben den zentralen Literaturempfehlungen im Buch läßt sich von der Verlagsseite eine 26seitige Literaturliste mit den wohl  allermeisten relevanten Arbeiten herunterladen.

Zunächst werden unterschiedliche Erklärungsmodelle für Mißbrauchsverhalten referiert. Es folgen Zahlen zu Prävalenzraten, - jeweils geschlechtsspezifisch unterschieden. In der Fachwelt übliche Tätertypologien werden dargestellt. - Im Hauptteil des Buches werten die Autorinnen das vorfindbare Material (Forschungsergebnisse, Therapieerfahrungen, einzelne Interviews mit Tätern) aus, um Mythen von Tatsachen unterscheiden zu lernen, - um zu einer realistischen Charakteristik von Mißbrauchstätern zu kommen. Dabei wird das weit überdurchschnittliche Vorkommen von kindlichen Traumaerfahrungen bei späteren Tätern und Täterinnen offensichtlich. - Obwohl die allermeisten kindlichen Traumaüberlebenden nicht zu Tätern werden, ist es für eine effektive täterbezogene Prävention unabdingbar, diese Korrelation weiter im Auge zu behalten.

Ein weiterer Abschnitt des Buches referiert differenziert praktische Erfahrungen und den aktuellen Forschungsstand zur Therapie von Mißbrauchstätern. Sekundäre Prävention ("Kein Täter werden"), Heilung versus Kontrolle, Rückfälligkeit/Wirksamkeit sowie Besonderheiten der Tätertherapie und Behandlungsverfahren stehen dabei im Mittelpunkt.

Zuletzt ein kurzer, aber gehaltvoller Abschnitt zum Thema Mißbrauchsverhalten als destruktiver Form der Bewältigung  komplexer Traumatisierung. Angesprochen werden hier u.a. das Konzept der Mentalisierung (Fonagy) und mögliche Zusammenhänge zur Suchtdynamik. Gewünscht hätte ich mir Überlegungen zu komplexen Formen von Dissoziation (van der Hart/Nijenhuis/Steele: 'Strukturelle Dissoziation'), wodurch das typische Nebeneinander von kindlichen Bedürfnissen, gewalttätigen Verhaltensweisen und sozialer Angepaßtheit bei bestimmten Mißbrauchstätern nachvollziehbarer wird. Aber - es geht weiter. Dieser Abschnitt könnte gut zum Einstiegskapitel eines zukünftigen Buches werden!

Psychotraumatologisch orientierte Therapie mit Mißbrauchstätern wird, aus mancherlei Gründen, nur selten zu verwirklichen sein. Vielleicht bleibt es eine eher forschende Herangehensweise (ähnlich wie die klassische Psychoanalyse). Aber wir müssen verstehen lernen, wieso Menschen zu Gewalttätern werden, wenn die Menschheit sich nicht endgültig zerstören will! - Und die tragische und schreckliche Dialektik von Opfer sein und Täter werden ist zweifellos ein Kernthema von Gewaltforschung.

Täterorientierte Prävention liegt in erster Linie im Interesse der potentiellen Opfer, - in zweiter Linie liegt sie in unser aller Interesse.

Die Monografie von Saskia Heyden und Kerstin Jarosch ist zweifellos ein bedeutsamer, ein großer Schritt in die richtige Richtung!

[Pädosexualität]

>siehe auf dieser Liste: DIEFENBACH, FRAGOSO, FOELSKE

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    In Kooperation mit SäCHSISCHE GESELLSCHAFT FüR SOZIALE PSYCHIATRIE e.V.
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