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HIRSCH, Martin: Psychoanalytische Traumatologie – Das Trauma in der Familie [Fachbuch]

Mathias HIRSCH: Psychoanalytische Traumatologie – Das Trauma in der Familie

Stuttgart 2004

 

Im Zusammenhang mit dem Thema Psychotrauma stehen in den letzten zwanzig Jahren  "neue" traumatherapeutische Ansätze im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit. ProtagonistInnen waren in der Regel verhaltenstherapeutisch oder tiefenpsychologisch (einschließlich psychoanalytisch) arbeitende TherapeutInnen und Fachärzte; nach Maßgabe der konkreten  Erfahrungen mit traumabetroffenen KlientInnen wurden heilsame Elemente aus anderen Kontexten adaptiert und integriert: buddhistisch begründete Achtsamkeit, Imaginationen und andere hypnotherapeutische Elemente und anderes. Die (Wieder-)Entdeckung neurophysiologischer Prozesse als Grundlage der spezifischen Traumasymptomatik (traumatischer Streß, Strukturelle Dissoziation) leitete die Entstehung einer psychotraumatologischen Theorie ein.

Psychotraumatologische Therapieansätze haben mir viel geholfen zum grundlegenden Verständnis für Phänomene bei Überlebenden von schwerster Traumatisierung, die ich nicht oder kaum nachvollziehen konnte über eigene Selbst- und Lebenserfahrung bzw. den "gesunden Menschenverstand". Allerdings geht es bei ihnen im allgemeinen nur um das traumatische Kernphänomen: Meist gibt es einen oder mehrere Täter, dem oder denen ein Kind als Opfer unterworfen war. Es wird davon ausgegangen, daß das traumatisierende Geschehen besonders schwerwiegende seelische Folge hat, falls der Täter eine nahe Bezugsperson war, sowie falls das Kind über keine stützenden und kompensierenden sozialen/beziehungsmäßigen Ressourcen verfügte. In den psychotraumatologischen Therapieformen geht es dann aber vorrangig um traumabedingte, teilweise traumaspezifische innerseelische Folgen. Weniger hilfreich sind die entsprechenden Konzeptionen und Fallberichte, wo es um die individuellen zwischenmenschlichen Beziehungen von im Kindesalter Traumatisierter geht: damals zu TäterInnen, Angehörigen und anderen Bezugspersonen, aber auch zu Mitmenschen in der Gegenwart, nicht zuletzt zu PartnerInnen. Alle diese Beziehungserfahrungen haben jedoch vielfältigen Einfluß auf das Entstehen von Traumafolgeschädigungen, auf Ressourcen, Selbstheilungsversuche und andere Reaktionsweisen, auch auf das Gelingen einer traumabezogenen Psychotherapie.

Eigentlich liegt es nahe, sich zum therapeutischen Umgang mit diesen Aspekten psychischer Traumatisierung bei der Psychoanalyse umzuschauen, die in 150 Jahren sowohl für innerpsychische Konflikte als auch für entwicklungspsychologische Probleme eine fast unüberschaubare Fülle von Konzeptionen, Varianten, Theoremen und nicht zuletzt therapiepraktischen Erfahrungen gesammelt hat. Dies gilt durchaus auch für das Phänomen der psychischen Traumatisierung – wenn auch mit Einschränkungen. Bekanntlich hatte sich die psychoanalytische Lehre zunächst schwergetan mit dem Tatbestand der sexuellen Gewalt an Kindern, speziell mit dem häufig vorkommenden Vater-Tochter-Inzest. (Stichwort: Freuds Aufgabe der sogenannten "Verführungstheorie".) Eine der Folgen war, daß zur Unterstützung von Opfern sexueller Gewalt andere therapeutische Methoden entwickelt wurden – retrospektiv gesehen ein Glücksfall der Wissenschaftsgeschichte, denn auf diese Weise wurden unter anderem komplexe, strukturelle Formen von Dissoziation erkundet, Aspekte von Traumafolgeschädigungen also, denen psychoanalytische Grundkonzeptionen kaum hätten gerechtwerden können. (Bereits Sándor Ferenczi, jener einzige Psychoanalytiker der ersten Generation, der sexuelle Traumatisierung im Kindesalter ernstnahm, sah sich bei seinen KlientInnen komplexen dissoziativen Phänomenen gegenüber, die er sich mit seinem psychoanalytischen Handwerkszeug nicht erklären konnte. Was ihn jedoch nicht gehindert hat, nach neuen, vom psychoanalytischen Konsens nicht gedeckten Therapiemöglichkeiten zu suchen!)

Seit den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts bezieht die psychoanalytische Gemeinde zunehmend auch die (sexuelle) Traumatisierung im Kindesalter in ihr Forschungsinteresse ein. Erste Schritte waren die psychoanalysekritischen Arbeiten von Alice Miller sowie eine unter anderem von Tilmann Moser entwickelte  psychoanalytisch orientierte Körpertherapie. Psychoanalytische Annäherungen an die Therapie von Entwicklungstraumata wurden eingeleitet auch durch Bindungstheorie, Psychoanalytisch-interaktionelle Methode (Heigl-Evers), Ego State-Therapie sowie eine neue entwicklungspsychologische Konzeption von Daniel N. Stern. – In diesem Zusammenhang sehe ich auch die Arbeiten von Mathias Hirsch, dem zweifellos bedeutendsten deutschsprachigen Vertreter einer psychoanalytischen Traumatherapie.  

Seine große Monografie von 2004 enthält eine unvorstellbaren Fülle von Momenten aus der psychoanalytischen Therapie traumatisierter Menschen. Diese sprachlich, gedanklich wunderbar klare, manchmal atemberaubend spannende Darstellung psychoanalytischer Konzepte und Schlußfolgerungen ist für ihr Schwerpunktthema geradezu ein Lehrbuch psychoanalytischer Therapie. Ich bin sicher, daß diese und andere Arbeiten des Autors in vieler Hinsicht die Erkenntnisse und Erfahrungen der psychotraumatologischen Therapie ergänzen könnten.

Der Autor referiert im ersten Drittel die Entwicklung psychoanalytischer Traumakonzepte; dabei kommt er zu Recht häufig auf Sándor Ferenczi zurück, den in gewisser Weise unglücklichen Begründer einer psychoanalytischen Traumatherapie. Er belegt, daß einzelne psychoanalytische Theoretiker und Praktiker auch in den auf Freud und Ferenczi folgenden Jahrzehnten immer wieder einzelne bis heute relevate Bausteine zum Projekt einer psychoanalytischen Traumatherapie hinzugefügt haben. Anschließend stellt er seine Sicht der aktuellen psychoanalytischen Therapie traumatisierter Patienten vor. Zur Beurteilung im einzelnen fehlt es mir an Kompetenz und Erfahrung, jedoch fand ich überall mir vertraute Verhaltensweisen von Traumabetroffenen, anamnestische Einzelheiten und Beziehungsmomente im Kontakt mit mir, die mich fragen ließen: Könnte ich mir vorstellen, so wie hier geschildert damit umzugehen? – In dieser Weise könnten psychotraumatologisch orientierte TherapeutInnen sich gerade von dieser umfassenden und didaktisch hervorragend präsentierten Arbeit inspirieren lassen: jeweils im Nachdenken über konkrete eigene KlientInnen.

Schon eine Aufstellung der Kapitel des Hauptteils vermittelt grundlegende Parameter der von Hirsch vorgestellten psychoanalytischen Traumatherapie: Einleitung – Die Grundlage der therapeutischen Arbeit: Entwicklung der Symbolisierungsfähigkeit in der therapeutischen Beziehung – Das Trauma in der Übertragung – Besonderheiten der psychoanalytischen Therapie von persönlichkeitsgestörten (traumatisierten) Patienten – Aktive Elemente in der Therapie traumatisierter Patienten – Phasenverlauf der Therapie schwer gestörter (traumatisierter) Patienten – Neue Konzepte der therapeutischen Beziehung – Über Gegenübertragungsliebe – Sexualisierte Übertragung – Analytische Gruppenpsychotherapie – Die "Täter-Opfer-Gruppe" [eine von Hirsch durchgeführte analytische Therapiegruppe mit Opfern familiärer und nichtfamiliärer sexueller Gewalt sowie auch überführten Sexualstraftätern] – Kombinierte Einzel- und Gruppenpsychotherapie.

Dieses Buch von 2004  ist aber nicht zuletzt auch ein Dokument des schwierigen Annäherungsprozesses von psychoanalytisch orientierter und psychotraumatologisch orientierter Traumatherapie.  Zwar ist "Kindheitstrauma"  nunmehr endlich Thema psychoanalytischer Theorie (und Therapie) geworden, um die Deutungshoheit im Traumabereich wird jedoch offenbar noch gerungen.

Martin Hirsch stellt nicht erst im vorliegenden Buch explizit die Konstellation des Vater-Tochter-Inzests in den Mittelpunkt. Zweifellos ermöglicht dies eine komfortable Schnittstelle zu psychoanalytischen Grundkonzeptionen. Problematisch wird, daß Hirsch diesen  (sicherlich häufigen) Spezialfall von Traumatisierungen im Kindesalter verallgemeinert, als sei er prototypisch für Entwicklungstraumata (siehe auch seine als Standardwerk geltende Arbeit 'Realer Inzest', ursprünglich von 1987, viele Neuauflagen). – Entwicklungstraumata haben eine Vielzahl von Ursachen; aber selbst bei den zweifellos häufigen inzest-betroffenen Kindern und Jugendlichen gibt es vielfältige Täter- wie Ressourcenkonstellationen, die in unterschiedlichster Weise mitwirken bei der weiteren seelischen Entwicklung des Opfer. Psychotraumatologische Ansätze bleiben hier tatsächlich in mancher Hinsicht arg schematisch und trauma-fixiert. Das vorliegende Buch läßt den großen therapeutischen Gewinn ahnen, den angemessen genutzte Erfahrungen und Erkenntnisse der Psychoanalyse hierbei zukünftig bringen könnten.

Darüberhinaus ordnet Hirsch das Traumaspektrum apodiktisch in zwei grundlegend voneinander getrennte Bereiche: "Internalisierung von Gewalterfahrung" und "Dissoziation". Dabei ordnet er ersterem "lang dauernde komplexe Beziehungstraumata, meist in der Kindheit, also in der Familie" zu, demgegenüber gehört für ihn die "Dissoziation" zu den "Extremtraumatisierungen, meist im Erwachsenenalter, durch Gewalteinwirkung von Personen, zu denen keine bedeutsame Beziehung vorher bestanden hatte." Den ersten Arbeitsbereich nimmt Hirsch für die psychoanalytische Traumatherapie in Anspruch, den zweiten möchte er gerne abschieben an die "verhaltenstherapeutisch ausgerichteten Schulen, die sich auch der ‚neuen Traumatherapietechniken‘ bedienen." 

Diese wechselseitigen Zuordnungen auf Grundlage einer rigorosen Dichotomisierung von "psychoanalytisch" versus "verhaltenstherapeutisch" finden sich (leider) fast wortgleich noch in einer aktuelleren Buchveröffentlichung des Autors zum Thema (Gießen 2011). Zumindest heute wissen wir aber, daß  traumatische Dissoziation vorrangig (und in besonderer Komplexität) nach Entwicklungstrauma entsteht und eher selten (und weniger komplex)  nach Akuttraumatisierungen im Erwachsenenalter; – und traumatische Introjekte (also die Internalisierung von Gewalterfahrungen) gehören seit jeher zum Alltagsgeschäft psychotraumatologisch orientierter TherapeutInnen. Befremdlich ist auch, wenn diese mit entwicklungsdynamischen und persönlichkeitsstrukturellen Phänomenen bei frühtraumatisierten Menschen befaßten, teilweise neurophysiologisch belegten Ansätze von Mathias Hirsch noch im Jahr 2011 als "Verhaltenstherapien" bezeichnet werden.

In seiner Darstellung genuin psychoanalytischer Möglichkeiten halte ich das vorliegende Werk von 2004 für einen weiterhin lesenswerten Meilenstein auf dem Weg zu einer heilsameren Betreuung und Therapie schwertraumatisierter Menschen. Für HelferInnen aus dem Umkreis der psychotraumatologischen Traumatherapie könnte es (kritisch gelesen) eine Schatzgrube sein. Psychoanalytisch orientierte TherapeutInnen kann es dazu verführen, sich auf Traumaüberlebende einzulassen. Dabei sollten sie sich den Blick über den Tellerrand der Psychoanalyse hinaus nicht ausreden lassen. Allein durch seine Existenz dürfte das Buch wohl beitragen zu einer weiteren praxisorientierten Kooperation und Ergänzung psychoanalytischer und psychotraumatologischer Erfahrungen zum Nutzen von TraumapatientInnen. Zumindest Sándor Ferenczi hätte sich darüber zweifellos gefreut!

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    In Kooperation mit SäCHSISCHE GESELLSCHAFT FüR SOZIALE PSYCHIATRIE e.V.
    (www.sozialpsychiatrie-in-sachsen.de)

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