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KLUFT, Richard P.: Pacing in der Traumatherapie [Fachbuch]

Richard P. Kluft: Pacing in der Traumatherapie. Verarbeitung der traumatischen Erinnerungen bei dissoziativen Störungen mit der Technik der fraktionierten Abreaktion

("Shelter from the Storm", 2013)

Lichtenau/Westfalen: G. P. Probst Verlag GmbH, 2014

 

Diese erste auf deutsch erschienene Monografie des bedeutenden US-amerikanischen Traumatherapeuten und DIS-Spezialisten stellt eine ab 1978 entwickelte schonende Form der Abreaktion traumatischer Erinnerungen vor. Die Technik der Fraktionierten Abreaktion (FAT) wurde erst nach Jahren der praktischen Anwendung in einzelnen Aufsätzen veröffentlich; das vorliegende Buch ist Klufts umfassende Darstellung der von ihm entwickelten Technik.  Die lange Reifezeit zeigt sich an kristallklar formulierten subtilen Nuancen von Interventionsmöglichkeiten. In der fast durchgängig ungeheuer dichten, zugleich unaufgeregten Darstellung von Problemen, Risiken, Chancen, Varianten und Fallen wird die immense praktische Erfahrung Klufts mit diesem Klientel (Betroffene mit DIS/DDNOS) und mit seiner Methode offenkundig.

FAT soll in erster Linie die Gefahr einer Retraumatisierung von PatientInnen durch die Traumabehandlung verringern. Traumatisches Material wird scheibchenweise ("fraktioniert"), oft in mehreren Durchläufen und unterschiedlichen Varianten bearbeitet, angepaßt an die situativen Ressourcen der Klientin (Pacing). Die unterschiedlichen Elemente der Technik sind vielfältig kombinierbar:

a) Zeitdauer des Segments einer traumatischen Situation, das zur Abreaktion vorgesehen ist (Sekunden/Minuten)

b) Dosierung des Unbehagens (imaginierte %-Werte, Dimmerverfahren)

c) Separate Arbeit mit einzelnen Persönlichkeitsanteilen oder Gruppen von Anteilen

d) Arbeit in einzelnen BASK-Aspekten (nach B.G.Braun) (hierfür gibt es einen von Catherine Fine entwickelten unterschiedlichen Ansatz, der in anderen Publikationen dargestellt wurde)

Alle diesbezüglichen Entscheidungen werden  für jeden einzelnen Durchgang zwischen TherapeutIn und KlientIn vorher vereinbart. Akteure der Fraktionierten Abreaktion sind jeweils diejenigen Teilpersönlichkeiten, die von der entsprechenden traumatischen Situation betroffen sind ­– und: die sich zum jeweiligen Zeitpunkt die Konfrontation zutrauen.

Begonnen wird die FAT (möglichst) mit so wenig belastenden Schritten, daß der Erfolg in diesen ersten Durchgängen praktisch garantiert ist. Dadurch entsteht eine Atmosphäre von Optimismus und Selbstwirksamkeit/Empowerment, gegenüber dem bei Betroffenen im allgemeinen vorherrschenden Gefühl von Machtlosigkeit und Entsetzen.

Das "langsame Gehen"  bei der FAT verbessert zugleich die Möglichkeiten des Therapeuten, eine komplexe und umfassendere empathische Verbindung zum Klienten zu entwickeln. Dies ist der Anteil der FAT zum Heilungsprozeß, neben ihrer Funktion, Retraumatisierungen innerhalb der therapeutischen Abreaktion zu minimieren. Dazu kommt noch eine Funktion der FAT als Frühwarnsystem: Wenn eine Klientin zur fraktionierten Abreaktion (die ja eigentlich besonders schonend ist!) dauerhaft nicht in der Lage ist, müssen vor irgendeiner Form von therapeutischer Abreaktion die in der Regel bedeutsamen Gründe hierfür geklärt werden.

Richard Kluft vertritt als übergeordnetes Therapieziel bei DIS vehement die vollständige Integration der Teilpersönlichkeiten, die er offenbar vorrangig mithilfe von hynotischer Suggestion erreicht. Vorstellbar ist, daß die nuancierten Abreaktionen (sowohl hinsichtlich der traumatischen Situation als auch der inneren Akteure/betroffenen Persönlichkeitsanteile) die Integration von Teilpersönlichkeiten wesentlich erleichtert. Der  regelmäßige Hinweis bei den meisten  vorgestellten Fallvignetten auf die "vollständige Integration" hinterläßt bei mir jedoch Zweifel.

Auch für therapeutische Krisen (häufige Flashbacks,  unkontrolliertes Ausagieren) nennt der Autor  "komplexe hypnotische Arbeit" als Mittel der Wahl, um danach wieder zur FAT-gestützten Traumakonfrontation übergehen zu können. Der Autor plädiert deutlich für eine Weiterbildung in traditionellen Hypnosemethoden; von Milton Ericksons Ansatz grenzt er sich in diesem Zusammenhang ab. Im letzten Teil des Buches finden sich eine Fülle fundierter Hinweise aus Klufts traumatherapeutischer Praxis, die zweifellos neugierig machen sollen auf die hypnotherapeutisch fundierte Arbeit bei DIS. Die FAT (selbst eine hypnosenahe Technik) kann jedoch nach Versicherung Klufts auch ohne solche Kenntnisse eingesetzt werden.

Abgesehen von den landläufig bekannten hypnotherapeutischen Werkzeugen der Traumatherapie (wie bei Reddemann u.a.) habe ich keine Erfahrung mit klinischer Hypnose.  Insofern konnte ich einige Aspekte der Darstellung nicht recht nachvollziehen. –

Erwähnt werden "aggressive" Anteile, die durch posthypnotische Suggestionen (per Schlüsselwort) "gebändigt" werden könnten. Ob diese dadurch oder durch Versetzen in hypnotischen Schlaf tatsächlich dauerhaft aus der Therapie ausgegrenzt werden können, bzw. unter welchen Konstellationen sie ggf. aus diesem hypnotischen Schlaf (der ihre konkreten Aufgaben/Funktionen innerhalb des Systems nicht geändert haben dürfte) von Kluft wieder herausgeholt werden, - das bleibt in der vorliegenden Darstellung für mich ungeklärt. Immerhin werden an anderer Stelle notwendige "monatelange Verhandlungen" mit täteridentifizierten Anteilen, inneren Beschützern und anderen therapeutisch "unbequemen“ Anteilen erwähnt. Eine bindungsförderliche, beziehungsorientierte Nachreifung auch solcher Anteile wird beim Vorrang konventionell-hypnotischer Interventionen jedenfalls eventuell zu kurz kommen und scheint wohl auch nicht vorgesehen. Andererseits betont Richard Kluft, die Möglichkeiten der FAT ließen sich gerade in Krisen (z.B. plötzlichem Auftreten "destruktiver Intrusionen") gut mit anderen therapeutischen Ansätzen verbinden.

Auch in Klufts Fallvignetten wird deutlich, daß die mithilfe der FAT konzipierte schrittweise Bearbeitung gerade bei PatientInnen mit schwerwiegendsten Traumaerfahrungen immer wieder durchbrochen wird durch das unkontrollierbare Eingreifen einzelner Alter-Persönlichkeiten, meist täterorientierte oder Anteile mit Schutzfunktionen oder anderen komplexen Aufgaben im inneren System. Diese können wohl nicht unbedingt zuverlässig (für die Dauer einer Abreaktion) „weggeschickt werden“, auch nicht durch hypnotische Techniken. Bei Überlebenden von komplexer Traumatisierung im Kindesalter, mit Bezugspersonen als Tätern oder/und nach organisierter/ritueller Gewalt  kommen solche Teilpersönlichkeiten mit komplexen und aversiven Funktionen regelhaft vor; die entsprechenden Konflikte sind meines Erachtens am ehesten aufzufangen durch stabile therapeutische Beziehungen zu möglichst vielen Teilpersönlichkeiten. Der Autor versichert  jedoch, daß das nötige hohe Maß an Zuwendung, Psychoedukation und letztlich nachholenden Bindungserfahrungen seinen Platz findet in der fein abgestuften FAT. Auch die von Kluft dargestellte ausdifferenzierte Methode  der Kartierung dissoziativer Systeme in nuancierter Interaktion mit Teilpersönlichkeiten  läßt vermuten, daß  die von ihm konzipierte Fraktionierte Abreaktion problemlos kompatibel ist mit eher psychodynamisch-beziehungsorientierten  Therapiemethoden. (Übrigens ist Richard Kluft auch Psychoanalytiker; in einer anderen Veröffentlichung hatte er die 'Behandlung der dissoziativen Identitätsstörung aus psychodynamischer Sicht' diskutiert: Reddemann/Hofmann/Gast, Stuttgart 2004.)

Genannt werden als kompatible Methoden das BASK-Modell (B.G.Braun), die Ansätze von C.G.Fine (einer früheren Mitarbeiterin Klufts, die bereits lange Zeit mit einer eigenen Variante der FAT arbeitet), Ego State-Therapie (Watkins) und EMDR. Dazu drängen sich mir Korrelationen zum Ansatz der Struktuellen  Dissoziaton der Persönlichkeit (van der Hart/Nijenhuis/Steele) auf und die PITT (Reddemann).

Die vielfältigen Hinweise auf komplexe therapeutische Situationen lassen leicht vergessen, daß in der vorliegenden Monografie  "nur" eine bestimmte Technik zur therapeutischen Abreaktion vorgestellt wird, die in der Praxis eingebunden werden muß in eine umfassende psychotherapeutische Methode. "Abreaktion" (ob fraktioniert oder nicht) ist und bleibt nur ein Aspekt einer Traumatherapie

Eine neue Konzeption zu entwickeln oder auch nur für sich zu entdecken, erfordert   schrittweise Annäherung. Das Neue steht uns teilweise als Fremdes gegenüber, da es bisher Selbstverständlichem zu widersprechen scheint. An dieser inneren Interaktion zwischen Therapeut und neuer therapeutischer Technik (Fraktionierte Abreaktion: FAT) läßt der Autor uns ein wenig teilhaben: Therapeut und Methode sprechen mit je eigener Stimme – fast wie dissoziative Alters!  Dabei diskutieren die beiden in den einleitenden Kapiteln für meinen Geschmack etwas zu weitschweifig Einzelheiten der  Entstehungsgeschichte der FAT. Ab der ersten Fallvignette jedoch ist die Darstellung bis zur letzten Buchseite atemberaubend dicht und mitreißend.  Daß zumeist die Technik (FAT) als Ich-Erzählerin berichtet, ermöglicht uns Lesern, mitschwingend ihren Blickwinkel versuchsweise anzunehmen, – anders als wenn ein Autor in affektiv unbesetzter Fachsprache über eine Methode doziert.

Unverkennbar ist die tiefe mitmenschliche Verbundenheit des Autors mit seinen KlientInnen. Hinter manchen allzu komödiantischen Formulierungen meinte ich aber auch Galgenhumor und Resignation zu spüren – angesichts des nicht endenden menschengemachten Leids von Traumaüberlebenden, der unzureichenden Therapiefinanzierung und wohl auch wegen mancher kollegialen Mißachtung.

Voraussetzung für dieses in seinem Kernbereich wunderbare und innovative Buch ist praktische Erfahrung in der psychotraumatologisch fundierten Therapie von Betroffenen mit DIS/DDNOS, insbesondere in der Arbeit mit einzelnen Teilpersönlichkeiten (Anteilen, Alters). Zumindest Grundkenntnisse traumatherapeutisch relevanter Hypnosetechniken sind zweckmäßig.

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    In Kooperation mit SäCHSISCHE GESELLSCHAFT FüR SOZIALE PSYCHIATRIE e.V.
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