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LÜDECKE/SACHSSE/FAURE: Sucht - Bindung - Trauma [Stationäre integrative Therapie]

Christel LÜDECKE/ Ulrich SACHSSE/ Hendrik FAURE: Sucht – Bindung – Trauma.

Psychotherapie von Sucht und Traumafolgen im neurobiologischen Kontext

(Stuttgart 2010)

Bis heute werden KlientInnen im Suchthilfe-System sehr oft (oder meist) nicht zu Traumaerfahrungen befragt, wo doch, werden sie oft umgehend weitergeschickt, um erstmal ihre Traumastörung zu bearbeiten. Selbst von psychotraumatologisch ausgebildeten TherapeutInnen (bzw. in Traumafachkliniken) werden sie genauso reflexhaft weggeschickt, um erstmal ihre Sucht zu bearbeiten. Dahinter steckt ein reales Grundproblem: Suchtmittel bedeutet Selbstheilungsversuch des traumabedingten Leids. Der therapeutischen Konfrontation mit Traumaerfahrungen wird deshalb mit verstärktem Suchtverhalten begegnet, eine suchtspezifische therapeutische Stabilisierung destabilisiert im Bereich der Traumafolgestörungen. Was tun?

Ein hier vorgestelltes, in Göttingen entwickeltes Konzept einer stationären integrierten Behandlung von Sucht und Trauma beruht auf dem nuancierten und konzeptionell strukturierten Ausbalancieren der therapeutischen Gewichtung in beiden Richtungen.

Das ist im Grundsatz nichts Neues. Sowohl in der Traumatherapie (ohne Suchtmittelabhängigkeit) ist ein vergleichbares Ausbalancieren nötig angesichts der alltäglichen Kompensationsformen (Bulimie/Anorexia, Selbstverletzungen, sozialer Rückzug, Rauchen usw.), - ebenso in der traditionellen 'reinen' Suchttherapie, wenn Betroffene dabei unterstützt werden müssen, suchtmittelunabhängige Alternativen zu finden für den Umgang mit sozialen Konflikten.

In Göttingen wurden diese Erfahrungen ausgebaut zu einer vielleicht hoffnungsvollen Konzeption. - Anschließend an die umfassende Stabilisierungs- und Diagnostikphase von 3 Wochen stehen zwei unterschiedliche Therapieprogramme zur Verfügung (je 6-8 Wochen): eines mit Schwerpunkt auf der Suchterkrankung (kognitiv-verhaltenstherapeutisch, orientiert an der DBT in Verbindung mit suchtspezifischen Techniken), wobei in Einzeltherapie Bezüge hergestellt werden zur individuellen Psychotrauma-Situation. Beim anderen Therapieprogramm liegt der Schwerpunkt auf der Traumabehandlung (mit den üblichen Techniken). – Je nach der individuellen Problemgewichtung steht das eine oder andere Programm am Anfang der Behandlung; ein Wechsel zum anderen Programm kann erfolgen, wenn es zweckmäßig erscheint, jedoch können nicht beide Programme zugleich absolviert werden. Grundsätzlich wird die Behandlungsdauer auf 6-8 Wochen begrenzt, um Regressionstendenzen vorzubeugen. Die PatientInnen kommen in der Regel zu mehreren Aufenthalten mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Insgesamt wird auf diese Weise eine weitestgehend flexible Orientierung auf das individuelle Verhältnis von Trauma- bzw. Suchtbelastung möglich.

Die vorrangig von Christel Lüdecke verantwortete Dokumentation über das neue Konzept ist – mit einem Wort: eine Wucht! Schritt für Schritt wird die komplexe, verwirrende Situation im therapeutischen Alltag mit Sucht- und-Trauma-KlientInnen entwirrt; Möglichkeiten angemessener therapeutischer Herangehensweisen werden vorstellbar. Bei aller Vielschichtigkeit des Themas hat die Darstellung nichts von staubtrockener Schulmeisterlichkeit. Das Buch liest sich sehr gut, flüssig und manchmal geradezu aufregend! Dabei wird auch an diejenigen LeserInnen gedacht, die erst wenig mit dem einen oder anderen therapeutischen Thema zu tun hatten. In unzähligen nuancierten Hinweisen, Tips und Vorschlägen ist große Achtsamkeit und Empathie für die Situation der Betroffenen zu spüren.

Die Veröffentlichung will Mut machen, psychotraumatologische Therapiemethoden auch bei Suchtkranken (und umgekehrt) einzusetzen - mit Augenmaß! Obwohl das komplexe therapeutische Konzept stationäre Möglichkeiten voraussetzt, dürfte das Buch eine Fundgrube sein auch für die ambulante Psychotherapie mit diesem Klientel. –

Neben der umfassenden Darstellung der neuen integrativen Sucht/Trauma-Therapie enthält es einige Schwerpunktkapitel:

Von Christel Lüdecke einen didaktisch gut gemachten Kurzlehrgang in Neurophysiologie/-psychologie, der hilfreich sein kann, um Suchterkrankungen in der therapeutischen Praxis besser zu verstehen. (Es fördert Aha-Erlebnisse für den Leser:  Die reale Komplexität der Zusammenhänge findet sich wieder in vielen typischen widersprüchlich oder verwirrend, gar unglaubwürdig erscheinenden Aussagen und Entscheidungen von Suchtkranken!)

Von Hendrik Faure kommt eine nuancierte, gut lesbare Einführung in die Wirkungsweise von Drogen und den gesellschaftlichen Umgang mit ihnen.

Den Abschluß bilden drei ausführliche Kapitel zu Stabilisierungstechniken, unterschieden nach den Blickwinkeln Sucht, Trauma/Sucht und Trauma sowie eine Darstellung zu Trauma-Syntheseverfahren.

Zu guter Letzt enthält das Buch eine CD-ROM mit Arbeitsblättern des in Göttingen verwendeten DBT-Manuals für die Arbeit mit SuchtklientInnen, das selbstverständlich auch in der ambulanten Therapie anwendbar ist.

Einige Stolperstellen gab es für mich:

> Bei "Sucht" geht es nur um illegale Drogen/Alkohol, nicht um stoffungebundene Suchtfunktionen, die aber gerade bei psychotraumatisch belasteten PatientInnen hohen Stellenwert und schwerwiegende Auswirkungen haben (allerdings neurophysiologisch betrachtet irrelevant sein mögen).

> Leider wird das Kontinuum der dissoziativen Störungen (einschließlich Strukturelle Dissoziation) nicht einbezogen, obwohl der neurobiologische Kontext im Untertitel ausdrücklich hervorgehoben wird. (Diagnostische Grundlage sind die "Persönlichkeitsstörungen" und PTBS.) – Hingegen wird der Begriff "state" verwendet für unterschiedliche therapierelevante innere Zustände oder zwischenmenschliche Situationen (Sachsse: 'Traumazentrierte Psychotherapie'). Hier kann es zu Mißverständnissen kommen im Zusammenhang mit den traumabedingten dissoziativen states. (Und dann taucht im Inhaltsverzeichnis noch die sogenannte "dissoziale Persönlichkeitsstörung" unter dem Stichwort Dissoziation auf..)

>Damit in Zusammenhang stehend, konnte ich mir nicht so recht vorstellen, wie schwerwiegend die Traumafolgeschädigungen der PatientInnen in dem göttinger Setting sind. Auch Betroffene mit DIS und DDNOS?

> Vermißt habe ich Äußerungen über die Erfahrungen mit der ambulanten Therapie vorher und nachher. In welcher Weise gibt es da konzeptionelle Zusammenarbeit im Sinne einer Intervalltherapie?

Diese Unklarheiten schmälern aber nicht meine Freude über diese Veröffentlichung!  Ein tolles, wunderbares Buch, das sein Geld unbedingt wert ist und um das niemand mehr herumkommt, der sich mit dem Problem Sucht-und-Trauma befassen will. (Sogar die Bindung ist sehr gut!)

Siehe auf dieser Liste: KUNTZ, GAHLEITNER/GUNDERSON, KUNZKE

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    In Kooperation mit SäCHSISCHE GESELLSCHAFT FüR SOZIALE PSYCHIATRIE e.V.
    (www.sozialpsychiatrie-in-sachsen.de)

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