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MILLER, Alison: Jenseits des Vorstellbaren. Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind-Control [Fachbuch]

 

Alison MILLER: Jenseits des Vorstellbaren. Therapie bei Ritueller Gewalt und Mind-Control [Fachbuch]

Kröning 2014 (Asanger Verlag)

Eigentlich ist es nicht zu verstehen: die heutige Flut von Horrorvideos und entsprechenden Computerspielen wird im gesellschaftlichen Konsens achselzuckend zur Kenntnis genommen, – die Existenz von vergleichbarer Organisierter, Ritueller Gewalt wird in der Öffentlichkeit weitgehend noch immer bezweifelt. Virtuelle Welten erfreuen sich (seit J.R.R.Tolkien und Frank Herbert und heutzutage als Computer-"Spiele") gesamtgesellschaftlich großer Beliebtheit, – die Existenz von gleichartig organisierten kultischen Tätersystemen wird bezweifelt und zur "Verschwörungstheorie" erklärt. (Für einen Wikipedia-Artikel "Rituelle Gewalt" mußte zwei Jahre lang gegen Löschversuche diskutiert werden.) Der Schluß liegt nahe, daß es gesamtgesellschaftlich ein großes Potential gibt für das, was viele Betroffene und zumindest eine Minderheit von TherapeutInnen als Organisierte oder Rituelle Gewalt, als Mind Control kennen.

Ein wichtiger Schritt sowohl zur öffentlichen Information als auch zur therapeutischen Hilfe bedeutet das jetzt neu auf Deutsch erschienene Buch einer kanadischen Traumatherapeutin. –

Nach einigen einführenden Kapiteln folgen umfassende Falldarstellungen, in denen mehrere Überlebende konsistent Konditionierungen und Programmierungssysteme referieren, denen sie unterworfen waren. Diese Berichte (bei denen ich von einer Überarbeitung durch die Autorin ausgehe) dürften erstmal jeden überfordern, der nicht kontinuierlich zu tun hat mit Opfern einer derartigen pervertierten Verhaltenstherapie.  Als Einstieg in die Thematik  eignen sich dagegen die darauffolgenden Kapitel 8 und 9. Nachvollziehbar auf Grundlage allgemeiner Lebens- und Selbsterfahrung wird dort ein umfassendes Instrumentarium an Lügen, Tricks und Indoktrinierungen vorgestellt, mithilfe dessen Täter bei den kindlichen Opfern in vielen einzelnen, zweckmäßig aufeinanderfolgenden Schrittchen dissoziative Teilpersönlichkeiten erzwingen und diese für entsprechende, ineinander verzahnte und einander stützende und/oder kontrollierende Funktionen programmieren – im wesentlichen mithilfe der allgemein bekannten Verfahren der klassischen und operanten Konditionierung. Dazu kommen Tricks, wie sie prinzipiell auch von Zauberkünstlern genutzt werden könnten – und natürlich nackte Gewalt als allgegenwärtige Erfahrung für die Opfer. Nach diesem Einstieg wird vorstellbar, wie mithilfe solcher Methoden die in den vorherigen Kapiteln vorgestellten und zunächst fast irreal wirkenden komplexen Programmierungssysteme erzwungen werden können.

Grundlegender Schlüssel zum Verständnis und dann zur therapeutischen Überwindung solcher Konditionierungen ist in Millers Darstellung, daß es sich in jedemfall um KINDER gehandelt hat, die im Rahmen ihres kindlichen Bewußtseins manipuliert wurden.  In der therapeutischen Beziehung mit (programmierten) dissoziativen Teilpersönlichkeiten ist es im Zweifelsfall immer zweckmäßig, kindliche Ängste und Täuschungen in kindgerechter Weise aufzuklären und darunter verborgene natürliche kindliche Bedürfnissen zu befriedigen.

Manchmal vermittelt der etwas apodiktische Habitus der Autorin den  Eindruck, die gesamte Fülle der dargestellten ausdifferenzierten Konditionierungsraffinessen fänden sich bei sämtlichen Betroffenen von Mind Control; so ist es natürlich nicht. In Verbindung mit den dokumentierten, in ihrer diabolischen Stringenz überwältigenden Programmsystemen dürfte dieser Eindruck TherapeutInnen eher abhalten, sich mit Überlebenden von Ritueller Gewalt zu befassen. Dazu kommt, daß die von ausgestiegenen ehemaligen "ProgrammiererInnen" berichteten fugenlosen Programmsysteme letztendlich noch immer die Botschaft der Täter vermitteln: Der Mensch ist wertlos, ist Ware und läßt sich perfekt manipulieren. Manche dieser aus dem Kult ausgestiegenen Opfer haben möglicherweise noch immer teilweise den Anspruch der Täter auf ihre eigene "professionelle" Konditionierungsarbeit verinnerlicht; aber solche Programmierung funktioniert eben nicht perfekt, weil die Opfer von Mind Control Menschen sind und keine Computer und Psychotherapie ist etwas anderes als "Deprogrammierung". Es gibt im lebenden Menschen noch immer die Gegenbewegung der authentischen inneren Ressourcen, die eine therapeutische Kooperation erst ermöglichen und zum Erfolg führen können! – Glücklicherweise entdeckte ich dieses Argument beim Weiterlesen, geäußert unter anderem von einer der Kultüberlebenden, die ihre eigenen, ganz aus authentischer Menschlichkeit entfalteten alternativen Strategien zur Überwindung der Programme schildert.

Die zweite Hälfte des Buches widmet sich nuanciert der therapeutischen Arbeit mit Überlebenden von Ritueller/Organisierter Gewalt und Mind Control. Überraschungen, Staunen, Irritation, Freude, Wiedererkennen, Zustimmung - so gestaltete sich meine Lektüre auch dieser Seiten.  

Umfassend werden Konditionierungsvarianten für viele Bereiche dargestellt, mit denen die Therapie bei Überlebenden nach Ritueller Gewalt und Mind Control zu tun haben kann. Wiederum vermittelt die Autorin (unter Hinzuziehung von Vignetten aus Betroffenenberichten) subtil und durch psychologische Alltagserfahrung nachvollziehbar, wie diese Programmierungen den kindlichen Opfern vermittelt wurden und wie sie schrittweise aufgelöst werden können.

Schwerpunkte sind das Problem des weiterbestehenden Kontakts zur Tätergruppe, die schwierige therapeutische Beziehung mit entsprechenden KlientInnen, die Verfügbarkeit der Therpeutin, die Möglichkeit, als erwachsene Überlebende zur Täterin/zum Täter zu werden (vor allem in pädosexueller Hinsicht), der therapeutische Umgang mit Trauer, Verzweiflung, Schuldgefühlen bei den KlientInnen, Fragen der Spiritualität. Umfangreiche Kapitel sind der Arbeit mit den traumatischen Erinnerungen sowie dem Ermöglichen von Co-Bewußtsein oder Integration gewidmet. – Auf all diesen Seiten findet sich eine Fülle von Hinweisen und Anregungen; vieles wäre wert, in dieser Rezension noch erwähnt zu werden. Das Werk gehört zu jenen Büchern, die ich am liebsten gleich nochmal lesen würde!

Die Autorin ist Klinische Psychologin mit eigener Praxis in Victoria (Kanada). Alison Miller arbeitet mit diesem Klientel vorrangig kognitiv/beziehungsorientiert, ohne EMDR und ohne Hypnotherapie. Ihre psychotraumatologische Bezugstheorie ist der Ansatz der Strukturellen Dissoziation. Bei all seiner notwendigen Kompliziertheit liest sich ihr Buch sehr gut. Die Autorin spricht ihre LeserInnen direkt an, sie hat ein natürliches, unaufgeregtes Verhältnis zu den  dissoziativen kindlichen Teilpersönlichkeiten; die einfache direkte Kommunikation mit ihnen ist zweifellos das Rückgrat ihrer therapeutischen Arbeit mit diesem Klientel.  

Das Werk ist vorbehaltlos zu empfehlen für professionelle HelferInnen, die mit Überlebenden von Ritueller Gewalt zu tun haben. Die Betreuung von Traumaüberlebenden  mit "nur" reaktiver DIS, also ohne Täterprogrammierungen, hat andere Schwerpunkte; hierfür sind andere Fachbücher geeigneter. (Bei Unsicherheit, ob Programmierungen vorliegen, bietet Alison Millers Buch allerdings Hilfestellung.) – Zur Selbsthilfe Betroffener eignet sich das Buch aufgrund der Triggergefahren dezidiert nicht; darauf verweist die Autorin mehrfach.

Als Anhang finden sich Literatur- und Quellenverzeichnisse sowie eine kalendarische Aufstellung kulttypischer Ritualtage.

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    In Kooperation mit SäCHSISCHE GESELLSCHAFT FüR SOZIALE PSYCHIATRIE e.V.
    (www.sozialpsychiatrie-in-sachsen.de)

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